Auf Deutsch

Hallo, mein Name ist Sebastiaan van Nieuwenhuizen, ich bin 43 Jahre alt und wohne zusammen mit meiner Freundin Joyce van Assen im niederländischen Doorn. Nächstes Jahr ist es 25 Jahre her, dass mein Zwischenfall im Dorf Güterglück, in der Nähe von Berlin, passierte. Hier steht die Wiege eines völlig anderen Lebens, eines Lebens, das ich mir anfangs nie zu leben gedacht hatte.

Als junger Berufssoldat hatte ich gerade eineinhalb Jahre Dienst geleistet. Mit 18 Jahren war ich der stolze Fahrer des Leopard 1 PRTL (Panzerraupe gegen Luftziele). Meine Einheit, 13 Palua (Panzereinheit Luftziele) die in der Mauritskaserne im niederländischen Ede stationiert war, hatte gerade eine zweiwöchige Übung in Polen abgeschlossen. Die Raupenfahrzeuge wurden auf Züge verladen und transportiert. Am Morgen des 19. April traten meine Einheit und ich die Rückreise an. Gegen Mittag kamen wir an einem Rangierbahnhof an, wo wir uns die Beine vertreten konnten.

An der Seite, wo wir uns die Beine vertraten, gab es einen schönen Platz für ein Fußballspiel, sodass ich zu meinem Leopard ging um uns einen Ball zu besorgen. Ein entgegenkommender Zugführer sah einen großen Blitz und alarmierte unseren Zugführer sofort über die Gegensprechanlage. In der Zwischenzeit fragten sich meine Kollegen, wo ich doch blieb (der Konvoi war etwa 400 Meter lang). Schließlich fanden mich meine Kollegen: Ich lag bewusstlos auf dem Turm und hatte versehentlich das Spannungsfeld der Kabel über der Bahnstrecke berührt.

Unter Lebensgefahr zogen mich meine Kollegen vom Turm herunter und begannen, Erste Hilfe zu leisten. In der Zwischenzeit war ich durch das Adrenalin und den Schock wieder zu Bewusstsein gekommen. Die Seite meines Kopfes war bis auf die Knochen verbrannt, und durch den harten Aufprall auf dem Turm war mein Kiefer an zwei Stellen gebrochen. Bald darauf kam der Krankenwagen, der mir ins nächste Krankenhaus brachte. Ich wusste nicht, was noch alles mit mir los war. Innerhalb von acht Stunden wurde ich in das Brandwondencentrum in Beverwijk verlegt. Hier wurde die Entscheidung getroffen, meinen linken Unterschenkel zu amputieren. Der Strom hatte meinen Körper durch dieses Bein verlassen: zwei kleine Löcher (von der Größe eines Stecknadelkopfes) in der Nase meines Soldatenschuhs waren der Beweis davon.

Nach etwa zwei Wochen kam ich wieder zu mir und konnte meinen Körper nicht mehr bewegen. Ich war an ein Beatmungsgerät angeschlossen und mein Körper war auf der C3-Ebene vollständig gelähmt. Ich konnte wegen meines gebrochenen Kiefers nicht sprechen und konnte nur über meine Augen kommunizieren. Ich erinnere mich daran, dass mein Kopf Überstunden machte: Dort fand ich nur ein schwarzes Loch vor, was die Erinnerungen an das Ereignis betraf. Meine Organe waren nicht mehr in Ordnung und mein linker Lungenflügel war kollabiert. Außerdem wurden mir bald ein Blasenkatheter und eine Magensonde gelegt. Die Auswirkungen und Schäden, die der Strom an meinem Nervensystem verursachte, waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. In den meisten Fällen überlebt man ein solches Trauma nämlich nicht. Die Ärzte standen also vor einer unbekannten Herausforderung im Hinblick auf die weitere Behandlung meines Kopfes.

Am Ende wog ich nur noch 47 kg. Meinen Eltern wurde mehrmals gesagt, dass meine Überlebenschancen aufgrund der vielen Operationen, denen ich mich würde unterziehen müssen, nicht groß seien. An meinem Tiefpunkt wollte ich auch sterben: Kämpfen wollte ich nicht mehr und meine Aussichten für die Zukunft waren auch nicht gerade positiv. Ich lag drei Monate im Krankenhaus zu Beverwijk, von denen die ersten beiden sehr unsicher waren.

Doch allmählich zeigten sich einige Lichtblicke in Bezug zu meiner Heilung. Eine minimale Funktion meiner Hände war plötzlich wieder da, auch fühlte ich wieder vermehrt Kräfte in meinem Körper. Während anfangs noch von einer Zukunft in einem Pflegeheim die Rede war, bot sich nun die Gelegenheit, in einem Rehazentrum nachzugehen welche Körperfunktionen zurückkehren würden und welche nicht. Schließlich wohnte ich dreizehn Monate im Rehazentrum „De Hoogstraat“ in Utrecht. In dieser Zeit wurde ich an beiden Augen operiert, weil ich an einen durch Elektrizität verursachten Grauen Star litt. Auch meine Zähne wurden behandelt, da die meisten aufgrund des Stroms en der Wucht des Unfalls abgebrochen oder gerissen waren.

Während meiner Rehabilitation zeigte mein Oberkörper Anzeichen der Erholung. Auch meine Beinfunktionen kehrten langsam zurück. Meine Läsion ging sogar von einem vollständigen in einen unvollständigen Zustand über. Aus diesem Grund habe ich weiterhin Muskelschwund, kann aber dank der Kompensation durch andere Muskeln noch gut funktionieren. Meine Beinfunktion basiert auf einer Spastik, d. h. ich habe eine gewisse Muskelspannung, sodass ich stehen und unterstützt ein paar Schritte gehen kann (vorausgesetzt, ich trage meine Beinprothese). Allerdings wird sich dieses Bein durch das Training nicht weiterentwickeln, sodass ich immer an den Rollstuhl gebunden sein werde.

Eine ganze Geschichte in Kurzform. Nach all den Rehabilitationsmaßnahmen - und auch nach zwei Jahren Tagesrehabilitation im militärischen Rehabilitationszentrum - kann ich feststellen, dass ich diesen Unfall zwar nicht völlig unbeschadet überstanden habe, aber ausreichend genesen bin, um selbstständig und schmerzfrei zu leben.

Der Kampf und das Durchhaltevermögen sind meine Mission um im Leben weiterzukommen. Der rote Faden in meinem Leben ist es, zu zeigen, was man als Mensch trotz einer Behinderung noch schaffen kann und wobei die Einschränkungen dann kein Thema mehr sind. Dieser rote Faden zeigt sich vor allem darin, dass ich unheimlich gerne Sport treibe. Zum Beispiel habe ich den Himalaya schon mit dem Handbike besiegt und die längste Extremdistanz, die ich in meinem Rollstuhl zurückgelegt habe, beträgt 180 Kilometer. Seit 2012 nehme ich außerdem mit meinem Rollstuhl an Hindernisläufen teil und darüber hinaus dreimal an den Invictus Games (Sportveranstaltung für kriegsversehrte Soldaten) .

Mein endgültiges Ziel ist jedoch erst einmal das Jahr 2022. Fünfundzwanzig Jahre nach meinem Trauma möchte ich die Übung von damals körperlich vollenden, indem ich die Strecke von 555 Kilometern (von Güterglück nach Doorn) in meinem Rollstuhl zurücklege. Eine wertvolle Reise, die mir beweisen wird, dass ich jetzt sehr stark im Leben stehe und dankbar sein kann für alles, was ich seitdem erreicht habe.

Dort in Güterglück begann meine Reise: der Beginn eines reichen und wertvollen Lebens, mit dem ich nicht gerechnet hatte, das mir aber viele wunderbare Erfahrungen und Menschen beschert hat.

Natürlich werde ich diese Reise nicht alleine antreten. Ich habe ein Team von Menschen um mich herum, die mich während dieser extremen Reise unterstützen werden. Sie sind es, die mich acht Tage lang während den 70 bis 80 Kilometern am Tag begleiten werden.

Wenn diese Geschichte Sie berührt hat und Sie einen Beitrag leisten möchten, setzen Sie sich doch bitte mit uns in Verbindung: chargedforlife2022@gmail.com

 

Nil volentibus arduum

„Den Wollenden ist nichts schwer“.